John Crowley, Little Big oder Das Parlament der Feen, 1.1.1 – Von Irgendwo nach Anderswo

John Crowley

Little Big
oder
Das Parlament der Feen

Aus dem Amerikanischen von Thomas Lindquist


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Von Irgendwo nach Anderswo

Obwohl er sein Zimmer in der Großen Stadt früh morgens verlassen hatte, war es nun schon Mittag, bevor er auf einem kaum begangenen Fußgängersteig die große Brücke überquert hatte und hinausgelangt war in die Ansiedlungen nördlich vom Fluss, die wohl eigene Namen, doch keine eigenen Grenzen hatten. Den Nachmittag lang kämpfte er sich durch diese Stadtviertel mit ihren indianischen Namen, meist nicht imstande, dem direkten Weg zu folgen, auf dem sich der mächtige, ununterbrochen fließende Verkehrsstrom breitmachte; er durchwanderte Stadtviertel um Stadtviertel, lugte in Hinterhöfe und Ladenfenster. Er sah wenige Fußgänger, nicht einmal Anwohner, aber immerhin einige Kinder auf Fahrrädern; er versuchte sich ihr Leben in diesen Wohngegenden vorzustellen, die ihn trostlos vorstädtisch anmuteten, wenn auch die Kinder ganz fröhlich waren.

Die gleichförmigen Blocks der Geschäftsboulevards und Wohnstraßen begannen sich allmählich aufzulösen, sich zu lichten wie die Ausläufer eines großen Waldes: immer öfter unterbrochen von unkrautüberwucherten Parzellen, wie von Lichtungen; und hie und da signalisierten ein staubiges, struppiges Wäldchen oder eine stoppelige Wiese ihre Bereitschaft, sich in einen Industriepark verwandeln zu lassen. Dieses Wort ging Smoky durch den Kopf: denn wahrhaftig, so kam sie ihm vor, diese Gegend, in die er sich verirrt hatte – der Industriepark, Ort zwischen Wüstenei und urbarer Scholle.

Er machte Rast bei einer Bank, wo man den Bus von Irgendwo nach Anderswo besteigen konnte. Er setzte sich, ließ seinen kleinen Rucksack von der Schulter gleiten, holte ein Sandwich hervor, das er – wieder eine jener Bedingungen – eigenhändig bestrichen hatte, sowie eine konfettibunte Straßenkarte von der Tankstelle. Er war sich nicht sicher, ob die Bedingungen eine Landkarte nicht verböten, aber die Wegbeschreibung, die man ihm gegeben hatte, wie er nach Edgewood gelangen sollte, war nicht eindeutig gewesen, und so klappte er sie auf.

Nun, ja. Der blaue Strich dort war offensichtlich die holperige Teerstraße, mit ihren leerstehenden Fabrik-Ziegelbauten, die er entlanggekommen war. Er drehte die Karte, bis diese Linie parallel zu seiner Bank verlief, wie es ja auch die Straße tat (das Kartenlesen war nicht seine Stärke), und fand, weit außen links, den Ort, nach dem er unterwegs war. Der Name Edgewood selber war nicht eingetragen, doch hier musste er irgendwo sein, in dieser Ansammlung von fünf kleinen Städtchen, die mit den unscheinbarsten Zeichen der ganzen Legende markiert waren. Also, ja. Dort war ein mächtiger, roter Doppelstrich, der ganz in die Nähe führte, reichlich bestückt mit Einfahrten und Ausfahrten; hier konnte er nicht zu Fuß wandern. Eine dicke blaue Linie (am Beispiel des Blutkreislaufs stellte Smoky sich vor, dass der ganze Verkehr zur Stadt, nach Süden, auf den blauen Linien rollte, der Verkehr hinaus aber auf den roten) führte noch ein bisschen näher heran, mit Verzweigungen in kapillarische Nebenadern nach Städtchen und Dörfern am Wege. Dort mündete auch die wesentlich dünnere, blutarme blaue Linie, neben der er nun saß. Dort ballten sich wahrscheinlich auch Handel und Wandel zusammen – in den Werkzeughallen von Tool Town, in den Supermärkten von Food City, in den Möbelhallen von Furniture World und im Teppichparadies von Carpet Village. Doch hier gab es auch noch, kaum erkennbar, eine feine schwarze Linie, der er stattdessen bald folgen konnte. Er dachte zuerst, dass sie ins Nichts führte, aber nein, sie führte weiter, mit Unterbrechungen zwar – vom Kartographen scheinbar zunächst vergessen im Gewirr des Ganglien-Zentrums, dann aber im freien Raum nach Norden hin immer deutlicher hervortretend – und führte ganz in die Nähe eines Städtchens, das, wie Smoky wusste, nicht weit von Edgewood entfernt lag.

Diese hier also. Anscheinend war es ein Wanderweg.

Nachdem er, mit Daumen und Zeigefinger, auf der Landkarte die Entfernung gemessen hatte, die er bereits hinter sich gebracht hatte, und auch die, die noch vor ihm lag (sie war viel länger), warf er sein Säckchen über die Schulter, schob sich den Hut gegen die Sonne ins Gesicht und wanderte weiter.

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